Samstag, 8. Dezember 2007

KM 1013 - Mit vier Bananen zum Hammam nach Hama

Wie der geneigte Leser ja unlaengst fesstellen konnte, befinde ich mich breits in Hama. Doch ich moechte nun, da die Internetverbindungen hier als generell stabil betrachtet werden, nocheinmal einen laengeren Blogeintrag dazu verfassen, wie ich Hama denn erreichte.

Es begann also in Aleppo langsam "eintoeni"g zu werden - neben den masslos unsere Sinne ueberflutenden Besuchen des unerschoepflichen Souqs und dem ueberaus sagenhaft guten Essen, welches wir jeden Abend in einem anderen wunderbaren Restaurant zu uns nahmen, schien uns langsam der Winter einzuholen, mit Wolken, Regen und Temperaturen unter zehn Grad nachts. Wir beschlossen zu satteln, aufzusitzen und dem wunderbar lebendigen Aleppo den Ruecken zu kehren.
Zwei Dinge sein dazu noch erwahent: Wir machten Bekanntschaft mit einem unglaublich gastfreundlichen Deutschen syrischer Abstammung, der nun (in Kassel lebend, hoch lebe Hessen!) fuer AlJazeera Talk arbeitet, einem nicht News-orintierten Teil von AlJazeera. Er interviewte uns ueber unsere Reise und es entstand eine nette Diskussion ueber all die schoenen Seiten unserer Reise. Er schickt uns ne Mail, wenn er das Interview veroeffentlicht hat und ich werd den Link dann hier einstellen. Er wirds auf Arabisch schreiben, was manchen Leser freuen, andere bedruecken wird: Nicht verzagen, es wird auch Fotos von uns geben.

Das andere Ding ist dinglicher. Sehr dinglich sogar, undtrotzdem sehr greifbar. Die unten abgebildeten Brautkleider finden sich in dem Teil des allepinischen Souqs, der fuer feminine Accesoires reserviert ist. Und so gibt es neben Glitzer und Kitsch und Shampoo und Seifen aus allepinischer Produktion auch diese teils wunderbar verzierten Brautkleider, die es ab dem unsagbaren Preis von 1500 syrischen Pfund gibt!!! Und bereits die guenstigen sind unglaublich reich verziert. Ich nenne den Preis bewusst nur in syrischen Pfund, da ich des Lesers Recherchefaehigkeiten und Neugier damit wecken moechte: Na wie ist der Kurs? Kleiner Tipp: http://www.oanda.com/... (Wers rausfindet dem sei gesagt: Ja, es ist wirklich so guenstig...)
Fast waer ich schwach geworden und haette meiner Herzdame eins mitgebracht, aber einerseits ist es ein sehr sehr symbolisches Geschenk mit dem ich nicht spassen will (stellt Euch vor, Eure Tochter packt unterm Weihnachtsbaum ein solches Ding aus, geschenkt von Ihrem langjaehrigen Freund...) und andererseits: Wohin mit den Reifroecken oder wie die Dinger mit den riesigen Metallreifen, die das Ding zum Abstehen bringen, auch immer heissen moegen, auf meinem Fahrrad? Da haett ich mir auch nen Fallschirm hinter haengen koennen!
Das naechste Exponat wollt ich mir eigentlich als Sticker zulegen, aber es gab ihn leider nicht mehr (ausverkauft!). Daher nur ein Photo von el Presidente Baschir el-Assad, der ikonenhaften Leitfigur des modernen Syriens, dessen Bilder sich ausnahmslos ueberall befinden. Ich erwahnte ihn bereits... Es soll zeigen: Wir sind in besten Haenden hier in Syrien. Wenn ich den Verkehr laengs der Strassen betrachte, bin ich mir da nicht so sicher, aber die Erinnerung an dieses Bild verleiht mir immer wieder neue Kraft. Es ist weiterhin ueberaus interessant, das Syriens Praesident auf einem durch und durch amerikanischen Proudukt sich bewegend abgelichtet ist. Er ist halt ein Mann des Wandels und der Moderne!

Nun zum eigentlichen Geschehen: Nachdem wir uns, von unserem neuen Freund von AlJazeera mutig aus der Stadt eskortiert, aus dem Dunstkreis Aleppos entfernt hatten, erreichten wir Idlib, rund 60 km suedoestlich davon. Dort gab es nur zwei Hotels zur Auswahl, und wir wollten trotz vieler Einladungen von Familien zu sich nach Haus, nach der Zeit in Aleppo mal wieder ein Zimmer fuer uns haben, sprich eins fuer mich und eins fuer Stefano&Angelina. Folglich versuchten wir all unser Feilschgeschick am Objekt der Begierde aus: Dem Carlton**** -Hotel Idlib (vermutlich ein "gefaelschtes" Hotel der grossen Kette...;-) Und so begab es sich, das ich zum Preis eines aleppinischen Brautkleides ein wunderbar grosses Zimmer fuer mich allein erhielt. Den Abend ueber verbrachte ich mit dem ZDF, den seltsamerweise war dies das einzige nicht-arabische Programm aus der Satellitenglotze. Und so sah ich live, wie der Riesenjackpot gewuerfelt wurde und wie Nuernberg (war doch Nuernberg, oder?) die Hollaender platt machte. Ich prostete ihnen mit Heineken zu...
Morgens dann das hier fuer mich allein. Nett!
Und so flog ich ausgeschlafen und mit Vollgas morgens um acht mit Rossi los. Angelina und Stefano wollten ausschlafen und ihnen war es auch nicht so wichtig wie mir, schnell nach Hama zu kommen, deshalb verabredeten wir uns fuer den naechsten Tag im 1. empfohlenen Hotel des LonelyPlanet in Hama.
Der Tag war morgens noch ganz nett. Links die Sonne, rechts Regenwolken, gross und duester. Ich zwischen den Fronten, gluecklicherweise mit Rueckenwind. Und ich wusste: Hatte ich erstmal den Pass nach 25 km geschafft, hatten es auch die Regenwolken nicht mehr so einfach. 450m hoch gings den Pass bei Ariha, hinter mir in der Ebene sah ich den Regen. Ich war oben und sah, wie der Regen den Berg hinter mir muehselig hochkroch. Also dreimal so fix bergab! Der Rest der Etappe ging meist bergab: Ab Maarat an-Numan kam die grosse Autobahn und ich flog auf dem breiten Standstreifen dahin, angetrieben vom Wind, von der Neigung der Strasse und von den (vereinzelten) Lastwagen, die an mir vorbeiflogen und mich mit sich schoben durch ihren immensen Fahrtwind. So kam ich auf schwindelerregende 55,7kmh maximal... Da kommt Freude auf!
Wie ichim Titel schrieb kaufte ich mir vier Bananen, die den Tag ueber reichen mussten, denn ich wollte unbedingt vor der Dunkelheit (dieser Tage ca.15.30h) in Hama eintreffen und da bleibt keine Zeit fuer Pausen.
Irgendwann hatte mich Gevatter Regen eingeholt und plaestere auf mich ein. Trotzdem kam ich schon um 14h in Hama an, mit nem 20kmh Schnitt auf 100km Distanz. Ich war richtig stolz auf mich.
Das schoenste am dem Tag waren die vielen Einladungen.
Immer wieder wurde ich eingeladen, zum Tee, zum Essen, zum pausieren, zum uebernachten. 27 mal insgesamt, ich hab mir den Spass gemacht und mitgezaehlt. Auf einer Distanz vonn 100km macht das ueber den Daumen eine Einladung auf 4km Wegstrecke. Nun moechte bitte der sich bei mir melden, der schonmal in Deutschland mit dem Radel Autobahn gefahren ist und alle 4km von freundlichen Menschen am Wegesrand in das eigene Heim zum uebernachten eingeladen wurde!
Vielleicht bekommt man durch diesen rationalen Ansatz eine Ahnung von dem Ausmass an Gastfreundschaft der syrischen Bevoelkerung...

In Hama tat sich hier und da frueher oder spater das Wolkenmeer auf und schon war die Fotoszenerie perfekt.

Abgesehen davon muss frueher oder spaeter immer mal wieder s'Rossi zum Hufschmied und so nutzte ich die Terrasse unseres netten Hotels als Werkstatt zum nachziehen, putzen, striegeln, wischen, pumpen, gut zu reden und Faulenzen...
Ich trage da uebrigens ein ueberaus tolles Shirt: Das erste Fussballtrikot meines Lebens hab ich mir in Aleppo zugelegt, aber das werdet ihr bald noch ausgiebig betrachten duerfen...

Heute Abend gings dann ins Hammam, aufwaermen und gewaschen werden von netten Syrern. Einzigartiges Orientgefuehl, von Markko bis Syrien in seinen Ritualen sehr aehnlich.

Wie immer: Alles Gute! Diesmal, wie gesagt, aus Hama.
Dank? Dank geht an alle Syrer, die selbstlos gastfreundlich sind und das sind verdammt viele und die meinen es alle ehrlich wie mir scheint. Wenn die Menschen in Syrien die Moeglichkeit dazu haetten, wuerden sie glaub ich die ganze Welt einladen. Ausser Israel, das hab ich inzwischen gefressen...

2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

"Der wichtigste ausländische Verbündete der Schiiten war Syrien. Grundlage dieser guten Beziehung war ein besonderes Verhältnis zwischen Sadr und dem syrischen Präsidenten Hafiz al-Asad. Dieser war 1970 durch einen Putsch an die Macht gekommen und Mitglied der alevitischen Minderheit. Mit diesem Status hatte er Probleme, sich an der Staatsspitze zu behaupten, da seine Konfession sowohl von den Sunniten als auch den Schiiten als nicht rein muslimisch angesehen wurde. Dieses Problem löste 1973 Sadr, indem er in einer fatwa, einem religiösen Rechtsgutachten, eine schiitische Genialogie für die Alevieten konstruierte und so al-Asad die Macht sicherte. Gleichzeitig schuf er sich einen mächtigen Verbündeten . Ajami zitiert Kramer: „the regime of Hafiz al Asad needed quick religious legitmacy; the Shi’is of Lebanon, Musa al Sadr had decided, needed a powerful patron. Intrest busily converged from every direction“ (vgl. Kramer, zit. bei Ajami 1986: 174.). Für die libanesischen Schiiten bedeutete dies eine Entlohnung in Form von politischer, finanzieller und militärischer Unterstützung (vgl. Avi-Ran 1991: 166)."

Ich stelle mal die These auf, dass es sich im Deal zwischen Bashir und Cannondale ähnlich verhält. Man beachte die Fußstellung..

Liebe Grüße und bis bald. C.

Anonym hat gesagt…

hey ben,
hach ich find dich gut.....wenn alle "luxusgüter" nur 20€ kosten, dann würde ich doch glatt da bleiben.

aber wie fährst du denn jetzt weiter. in ägypten sehen sie auch nicht so gerne israelische stempel, oder?

also: wie ist deine route?

bis denn.....
freu mich dann auf den live reisebericht, wenn du wieder da bist.
gute fahrt.
grüße
ferhat